Wie wird der E-Commerce das Bild unserer Städte verändern?

Wie werden unsere Viertel in zehn Jahren aussehen? Wie werden wir einkaufen? Wird es überhaupt noch das klassische Ladengeschäft geben oder wird uns Amazon auf Schritt und Tritt mit allem versorgen, was wir uns wünschen?

Ein Gespräch mit Markus Wotruba, Diplom-Geograf und Leiter Standortforschung, BBE Handelsberatung GmbH

Herr Wotruba, das Bedürfnis von Menschen, einen Blick in die Zukunft werfen zu wollen, war schon immer groß. Dass die Frage nach dem Morgen heute lauter gestellt wird denn je, mag auch daran liegen, dass überall die Rede von der Disruption vieler Lebensbereiche – fast täglich lesen wir von der digitalen Transformation, dem „Internet der Dinge“ oder „Big Data“. Angesichts dieser Veränderungen wollen viele Menschen wissen, „wie es weiter geht“. Wie wird das Viertel, in dem ich lebe, in zehn Jahren aussehen? Wie werden wir einkaufen? Wird es überhaupt noch das klassische Ladengeschäft geben oder wird uns Amazon auf Schritt und Tritt mit allem versorgen, was wir uns wünschen?
 
Wotruba: So, wie Sie die Frage stellen, klingt sie ein wenig paradox. Denn es sind ja gerade die Disruption und Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, die Vorhersagen so schwierig machen. Das ist das Wesen der Disruption: Dass man sie nicht kommen sieht, bis man von ihr mit voller Wucht getroffen wird. Ich bin mir sicher, dass in den nächsten Jahren noch viele Dinge passieren werden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Trotzdem wagen Forscher und Trend-Experten immer wieder den Blick in die Kristallkugel…

Wotruba: Das stimmt und manche Studien zur Transformation unserer Städte leisten auch einen interessanten Diskussionsbeitrag. Ich erinnere mich da etwa an die Studie „DNA des Erfolges“ von Wealthcap und dem Fraunhofer-Institut. Trotz des undurchsichtigen Nebels, der über der Zukunft liegt, können wir uns meist relativ klar vorstellen und abschätzen, wie wir zumindest in der näheren Zukunft leben und einkaufen werden. Es dauert dann aber noch viele Jahre, bis sich diese Ideen in unseren Städten und im Alltag materialisieren. Nehmen wir den Online-Handel. Die Idee für das Einkaufen im Internet ist schon etwas älter, Amazon beispielsweise wird 2019 25 Jahre alt. Schon damals hatten Unternehmer eine Vorstellung davon, wie tiefgreifend ihr neues Geschäftsmodell die Welt verändern würde. Trotzdem beginnen wir jetzt erst, die greifbaren Folgen dieser Ideen in den Städten zu sehen.

Werden wir konkret!

Wotruba: Ein Phänomen ist der Wandel von Nutzungsarten vieler Immobilien. Vom Online-Handel besonders hart getroffene größere Einzelhandelsflächen in der Stadtperipherie werden bereits durch Logistikflächen für die Warenauslieferung an ein urbanes Publikum ersetzt. Das spiegelt die Umsatzverschiebungen zwischen stationärem und digitalem Handel wider. Allerdings sinkt die Nachfrage nach Verkaufsflächen mancherorts tendenziell schneller, als die Nachfrage nach Lagerflächen steigt. Und natürlich ist auch nicht jede frühere Handelsfläche als Logistikfläche geeignet.

In einigen Innenstädten fällt die Notwendigkeit, eine eigene Immobilie zu betreiben, sogar ganz weg. Stattdessen wird die Fläche einfach durch ein Konzept ersetzt. Ein Beispiel ist die Auslieferung von Paketen in den Kofferraum Ihres Fahrzeugs. Das gibt es z. B. von „Smart“ und der Deutschen Post. Andere Anbieter haben das auch schon ausprobiert und gezeigt, dass es geht. Oder nehmen Sie die schnell erreichbaren Paketstationen „Amazon Locker“, an die sich Amazon-Kunden ihre bestellte Ware liefern lassen können. Solche Lösungen wird es absehbar aber nur in ausgewählten Großstädten geben.

Wird es auch Gewinner im stationären Handel geben?

Wotruba: Ich würde die Frage etwas anders stellen und statt von „Gewinnern“ lieber von „Pionieren“ sprechen, die die frei werdenden Einzelhandelsflächen in den Innenstädten neu besetzen. Da wäre zum einen die Gastronomie, deren Angebote wir immer öfter in Shoppingcentern oder Einkaufsstraßen vorfinden, weil sie den Erlebnischarakter beim Einkaufen stärken und die Verweildauer des Kunden verlängern.
Ein anderes Beispiel ist die Reurbanisierung der Nahversorger. Auch um der Konkurrenz aus dem Internet entgegenzuwirken, zieht es sie immer näher an den Kunden. Und der lebt nun einmal bevorzugt in der Stadt und ist auch nicht mehr dazu bereit, am Wochenende für den Großeinkauf ins Fachmarktzentrum auf der grünen Wiese zu fahren. Deshalb sehen wir schon seit Jahren einen Rückgang des Einkaufsverkehrs, obwohl die Menschen in Summe öfter einkaufen, weil sie immer mehr die näher gelegenen Märkte aufsuchen. Zugleich sind die Geschäftsmodelle von Gastronomen und Nahversorgern schwerer ins Internet zu übertragen, als es etwa beim Schuhhandel der Fall ist.

Vielen Dank, Herr Wotruba.