Lebensmittelhandel: Rettungsanker in einem rauer werdenden Vermietungsumfeld

Auch in diesem Jahr trafen sich Händler und Experten der Immobilienbranche zum nunmehr 15. Deutschen Handelsimmobilien-Kongress. Im Fokus standen neben dem großen Thema Nahversorgung auch in diesem Jahr wegweisende internationale Store-Konzepte und der besonders in den Städten anhaltende Logistikboom.

Ein Themenschwerpunkt des ersten Veranstaltungstages waren die Expansionsstrategien der Nahversorger, gilt doch der Lebensmittelhandel vielen Investoren als letzter Rettungsanker in einem rauer werdenden Vermietungsumfeld. Die Umsätze im Lebensmittelhandel, berichtete Joachim Stumpf von der BBE Handelsberatung, hätten sich in den vergangenen Jahren wesentlich besser entwickelt als der Einzelhandel insgesamt. Das läge im Wesentlichen an drei Aspekten: Erstens gibt es einen Trend zu qualitativ wertigeren Sortimenten, beispielsweise Bio-Artikel oder Erzeugnissen aus der eigenen Region. Zweitens setzten die Händler gerade in urbanen Räumen verstärkt auf Frische- und Convenience-Produkte für den schnellen Verzehr zwischendurch. Drittens profitiere der Lebensmittelkauf überdurchschnittlich vom Bevölkerungszuwachs der vergangenen Jahre, da jeder von uns muss essen.  

Die Kunden nähmen dieses Angebot gerne an, schließlich seien sie immer seltener dazu bereit, größere Strecken bis zu ihrem Händler zurückzulegen. Auf diese Distanzsensibilität und auf das Wachstum der Wohnanteile in den Innenstädten hätten die Nahversorger bei der Standortwahl reagiert und wanderten mit ihren Filialen näher zu den Kunden in verdichtete Lagen. Dafür nähmen die Unternehmen selbst eine drastisch reduzierte Fläche und „experimentelle“ Zuschnitte der Filialen in Kauf, um in Lagen vorzustoßen, in denen man sie früher nicht vermutet hätte.  

Für Raunen im Publikum sorgte die Meldung von der Eröffnung des ersten Mere-Marktes der russischen Handelskette Torgservis („Jeden Tag nur Tiefpreise“) ausgerechnet in einer ausgedienten Aldi-Filiale in Leipzig. Stumpf brachte von dem Opening Bilder aus erster Hand mit. Die mit viel Neonlicht beleuchtete Filiale sei im besten Fall „puristisch“ eingerichtet und biete den Kunden die Produkte auf Paletten an. Das erinnerte stark an die frühen Tage der Discounter-Branche und warf die Frage auf, ob nach Jahren des Trading-ups heimischer Anbieter eine Lücke im Preissegment unterhalb von Aldi, Lidl und Netto entstanden ist, in die Mere nun einzudringen versucht. Während die Filialen der großen deutschen Nahversorger immer freundlicher würden und zum Verweilen und Genießen einlüden, wolle Mere seine Kunden ausschließlich mit den niedrigsten Preisen überzeugen, so Stumpf. Ob die Strategie in der breiten Fläche aufgeht, ist nach Stumpfs erster Einschätzung jedoch fraglich, da die entstandene Nische so klein ist, dass es schwierig sein wird die wirtschaftlich kritische Masse von mehreren Hundert Outlets zu realisieren.  

Ein Highlight des Kongresses war die Verleihung der Preise für den „Store of the Year 2019“ am Abend, über den sich unter anderem L&T aus Osnabrück in der Kategorie „Out of Line“ freuen durfte. Wie Jury-Mitglied Sebastian Deppe von der BBE Handelsberatung erklärte, würden viele Neuerungen des Sportartikelgeschäfts, etwa der Einbau eines Wellen- und Surfbeckens, nicht nur den Aufenthaltswert des Hauses stärken. Es sei zudem zu einem Ort geworden, an dem Sport nicht nur verkauft, sondern zelebriert werde. Rewe Surdanovic aus Hamburg gewann in der Kategorie Food. In einer unter Denkmalschutz stehenden Ziegelsteinhalle aus der Jugendstilzeit biete Surdanovic dank eines hochwertigen Loungebereichs mit einem Konzertflügel einen besonders erlebnisorientierten Lebensmitteleinkauf.

Weitere Gewinner waren Brillen Müller, Zumnorde, Horst Retail Concepts sowie Edeka Zurheide Center (Sonderpreis). Was das Wettbewerberfeld betrifft, waren mittelständische Unternehmen in diesem Jahr erstmals in der Mehrheit. Das wirkte sich auch auf die Qualität der Beiträge aus, gelten Mittelständler häufig als besonders „beweglich“. Entsprechend ausdifferenziert und unterschiedlich waren die vielen Ladenkonzepte: Manche Wettbewerber gingen radikal vor, andere interpretierten Altbekanntes sinnvoll neu, weitere wiederum setzten auf Trading-up. Am Ende versuchten alle Teilnehmer mit ihren Konzepten jedoch ein und dieselbe Frage zu beantworten, und das ist die nach dem Alleinstellungsmerkmal: Warum sollte der Kunde bei mir einkaufen und nicht woanders?

Geschäftsführer
IPH Handelsimmobilien GmbH

Joachim Stumpf

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