Veranstaltungsrückblick

Quo vadis Nahversorgung? – Vier Thesen vom 15. Deutschen Handelsimmobilien-Kongress

Jan 2019
Für viele Investoren haben sich Nahversorger in den vergangenen Jahren regelrecht zu einem Rettungsanker der Immobilienbranche entwickelt. Der stationäre Lebensmittelhandel hat seine Umsätze – Online-Handel und Strukturwandel des Einzelhandels zum Trotz – eindeutig besser entwickelt als der Einzelhandel insgesamt. Stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Vier Thesen, die uns in den nächsten Monaten und Jahren beschäftigen werden:

1.    Unternehmen reagieren kreativ auf Zukunftstrends

Dass die deutschen Nahversorger gut lachen haben, hat gute Gründe. Zum einen haben die Nahversorger bei der Standortwahl reagiert und wandern mit neuen Filial-Konzepten wieder näher zu den Kunden in verdichtete Lagen. Dafür werden zum Teil selbst eine drastische Reduktion der Fläche und „experimentelle“ Zuschnitte der Filialen hingenommen, um in (Wohn-)Lagen vorzustoßen, in denen man die Nahversorger früher weniger vermutet hätte. Auch hinsichtlich des Angebots hat sich viel getan. Gerade in urbanen Räumen setzen die Händler verstärkt auf Frische- und Convenience-Produkte für den schnellen Verzehr zwischendurch. Die Kunden nehmen das Angebot gerne an, schließlich sind sie immer seltener dazu bereit, größere Strecken bis zu ihrem Händler zurückzulegen. Der große Wochenendeinkauf mit Auto und Familie verliert an Bedeutung, stattdessen suchen Verbraucher Produkte mit bestmöglicher Verfügbarkeit.

2.    Standorte polarisieren sich

Alles bestens also? Ganz so einfach ist es nicht. Betrachten wir den deutschen Einzelhandel aus der Vogelperspektive, dann sehen wir eine deutliche Polarisierung der Regionen und der Lagen in den vergangenen Jahren. Die Trends, die wir derzeit im Einzelhandel diskutieren und beobachten, entwickeln sich je nach Region sehr unterschiedlich. Das hat zum einen demografische Gründe: Während die sieben größten Städte weiterwachsen, entwickelt sich der Rest Deutschlands sehr unterschiedlich; je nachdem, mit welchen Resilienzfaktoren die Kommunen sich gegen die Abwanderung schützen. Schrumpfende Kommunen sehen wir längst nicht mehr nur in den östlichen Bundesländern, sondern verstärkt etwa auch im Ruhrgebiet. Die Innenstadt als Wohnort wird immer beliebter, während das Auto beim Einkauf in urbanen Quartieren eine immer kleinere Rolle spielt.

3.    Nicht jede Betriebsform gewinnt

Dass sich der deutsche Markt immer stärker in Gewinner- und Verlierer-Standorte spaltet, spiegelt sich in der rasanten Auslese der Anbieter wider. Die Zahl der Unternehmen im Lebensmittelhandel nahm von 2002 bis 2016 von circa 31.000 auf 20.800 ab. Aber auch hierbei lohnt sich ein differenzierter Blick. Sah es zwischen den Jahren 2003 und 2008 lange so aus, als würden vor allem die Supermärkte zwischen Discountern und SB-Warenhäusern zerrieben werden – ihr Marktanteil schrumpfte in dieser Zeit von 30,9 Prozent auf 25,6 Prozent –, hat sich dieser Trend mittlerweile wieder ein Stück weit umgekehrt. Nachdem Vollsortimenter für Händler und Kunden wieder deutlich attraktiver geworden sind, hat der Marktanteil der Supermärkte fast zu seinem alten Niveau zurückgefunden. Die Renaissance der Supermärkte geht auf Kosten der SB-Warenhäuser, die sich zum einen aufgrund restriktiver Genehmigungspraktiken schwertun, neue Flächen genehmigt zu bekommen. Zum anderen müssen sie bestehende Flächen verkleinern, da vor allem deren Nonfood-Sortiment durch ein überdurchschnittliches Onlinewachstum und die Kompetenz von spezialisierten Anbietern deutlich reduziert wurde.

4.    Eine neue Marktlücke unterhalb von Aldi & Co.?

Und die Discounter? Die Ersteröffnung des russischen Discounters Mere, einer Marke des Handelskonzerns Torgservis („Jeden Tag nur Tiefpreise“), ausgerechnet in einer alten Aldi-Filiale in Leipzig, hat zuletzt für Aufsehen gesorgt. Die Filiale ist puristisch eingerichtet und bietet den Kunden neben viel Neonlicht die Produkte direkt auf den Paletten an. Das erinnert stark an die frühen Tage der Discounter-Branche. Und es wirft die Frage auf, ob nach Jahren des Trading-ups der heimischen Anbieter eine Lücke im Preissegment unterhalb von Aldi, Lidl und Netto entstanden ist, in die Mere nun einzudringen versucht. Während die Filialen der großen deutschen Nahversorger immer freundlicher werden und zum Verweilen und Genießen einladen, scheint Mere in die Rolle des „Billigheimers“ übernehmen zu wollen. Ob die Strategie in der breiten Fläche aufgeht, ist fraglich, da Sortiment und Qualität der Produkte nicht nur Zuspruch finden dürften. Wahrscheinlicher ist, dass der neue Discounter mit seiner gnadenlosen Preispolitik eher in Nischenmärkten mit besonders preissensibler Klientel Erfolg haben wird. Daher bleibt es fraglich, ob die Lücke groß genug ist, um im hart umkämpften deutschen Markt die kritische Masse zum Überleben von mehreren hundert Märkten erreichen zu können.

Ansprechpartner

Joachim Stumpf

Geschäftsführer
IPH Handelsimmobilien GmbH