Damals gab‘s nur Pommes: Der Handel bittet zu Tisch

Es sind viele, und sie werden immer mehr. Ausweichmöglichkeiten? Vergessen Sie es. Sie lauern bereits in Möbelhäusern, Shopping-Centern und Mode-Geschäften auf uns. Die Rede ist von gastronomischen Zugaben, mit denen immer mehr Einzelhändler ihre Kunden anlocken. Und alle wollen mehr davon.

In Shopping- und Fachmarktzentren sollen die Snacks den Erlebnischarakter stärken und die Verweildauer erhöhen, in Supermärkten einen Mehrwert durch Sofortverzehr bieten und in Modegeschäften sogar der Entschleunigung gestresster Großstadt-Shopper dienen. Damit einher geht ein Rollenwandel vieler Geschäftsmodelle.

Das war nicht immer so. Lange wurde die Gastronomie in Geschäftslagen ausschließlich als Ergänzung zum Handel betrachtet. In Shopping-Centern beispielsweise war die Gastronomie bis vor wenigen Jahren noch spärlich vertreten und fand sich oftmals nur an Standorten, die an Einzelhändler nicht zu vermieten waren. In den Innenstädten wiederum wurden Gastronomieflächen häufig durch filialisierte Einzelhandelsbetriebe ersetzt.

Mittlerweile feiert das Essen außer Haus in Deutschland einen wahren Siegeszug. Berechnungen von BBE zufolge wird der Umsatz mit dem Außer-Haus-Verzehr bis 2020 auf 59,5 Milliarden Euro wachsen. 2010 lag er noch bei 41,3 Milliarden Euro. Damit wächst die Handelsgastronomie schneller als die Umsätze im gesamten stationären Einzelhandel. Hinzu kommt der sozio-kulturelle Wandel. Unsere Gesellschaft ist mobiler und zugleich urbaner geworden. Das verfügbare Einkommen der Deutschen wächst, gleichzeitig wohnen immer mehr Menschen in kleinen Single-Haushalten – alles Voraussetzungen, die den Außer-Haus-Verzehr begünstigen.

Modehaus, Restaurant oder beides?

Gastronomieangebote passen sich zudem gut in viele Markenstrategien ein. Seit Neuestem will der Mode-Riese H&M dem schwächelnden Geschäft seines Ablegers ARKET auf die Sprünge helfen. Dieser ist ausgerichtet auf eine erwachsenere Kundengruppe, die sich von H&M nicht mehr angesprochen fühlt. Der Kunde will weniger, dafür aber bewusster einkaufen. Deshalb gibt es in jedem Geschäft ein Café, in dem der Kunde kurz innehalten kann. Auf Neudeutsch heißt dieser Trend „Mindstyle“, womit sich auch die Pointe des Konzepts erklärt, das Mode und Gastronomie verschmelzen will: Betritt der Kunde die Filiale, soll er nicht nur sein Äußeres (Kleidung), sondern auch sein Inneres (Mind) „stylen“. Die Gastronomie entwickelt sich so zum Imagetreiber für das eigene Einzelhandelskonzept. Positiver Nebeneffekt ist freilich, dass sich – anders als Mode-Sortimente – die Gastro-Angebote nicht so einfach durch Online-Stores ersetzen lassen.

Integration statt Addition

Ob als reiner Imagefaktor, fester Bestandteil des Gesamtkonzepts oder als gleichberechtigtes zweites Standbein etwa in der Kombination eines hipperen Handarbeitsladens mit einem Café: Erfolgsentscheidend ist letztlich, dass das mit Gastronomie aufgewertete Angebot die Zielgruppe erreicht. Während im familienfreundlichen Möbelhaus auf der grünen Wiese Köttbullar & Co. gefragt sind, geht es im Buchhandel eher um Kaffeespezialitäten. In einem inhabergeführten Modehaus darf es hingegen etwas Besonderes wie eine Vinothek sein. Lebensmittelmärkte dagegen punkten mit einem betriebstypenspezifischen Ansatz:

Das SB-Warenhaus, das für den großen Wochenendeinkauf mit Kind und Kegel aufgesucht wird, muss eher die Familie im Blick haben, während der City-Supermarkt den Büroarbeiter anspricht.

Gefragt sind Frische- und Convenience-Produkte für den schnellen Außer-Haus-Verzehr sowie besondere Snacks für lifestylebewusste Großstädter, die regionale, laktosefreie oder glutenfreie Artikel bevorzugen. Die Kunst, kulinarische Zusatzangebote zu schaffen, liegt daher nicht in der reinen Addition des Bausteins Gastronomie, sondern in seiner Integration.

Umsatzentwicklung in der Gastronomie in Deutschland von 2007 bis 2016, mit Prognose bis 2021

Quelle: Statista, eigene Berechnungen auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen des Bundes, Statista Branchenreport - Gastronomie Juli 2017, Seite 13

Im Zeitraum von 2007 bis 2016 stieg der gastronomische Umsatz (netto) um beachtliche 33,2 Prozent. Die Prognose bis 2021 zeichnet ebenfalls ein positives Bild. Im Zeitraum von 2017 bis 2021 wird ein Umsatzwachstum von 14,1 Prozent erwartet

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Joachim Stumpf

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