„Einkaufsstraßen, wie wir sie heute kennen, werden unsere Städte in Zukunft weniger prägen“

Um zu erkennen, was morgen wichtig ist, reicht es nicht aus, sich mit den Zahlen der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das geht nur mit einer großen Trendexpertise. Wir wagen eine Exkursion in die Zukunft mit Gabriele Volz, Geschäftsführerin von WealthCap.

Gabriele Volz, Geschäftsführerin von WealthCap, im Interview mit dem IPH-Newsletter.

 

Frage: Frau Volz, Sie haben gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut einen spannenden Blick ins Übermorgen gewagt und 30 deutsche Städte auf ihre Zukunftsfähigkeit hin untersucht. Herausgekommen ist die Studie „DNA des Erfolges. Stadt der Zukunft 2040“. Was war das Motiv für dieses Projekt?

Volz: Als langfristig orientierter Investment- und Assetmanager für Gewerbe, Wohn-und Handelsimmobilien ist es für uns wichtig, die Auswirkungen von Megatrends, wie zum Beispiel die zunehmende Urbanisierung in unsere Kaufentscheidungen einzubeziehen. In einem hoch entwickelten Land wie Deutschland leben deutlich mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land, vor allem weil immer mehr Jobs in unseren Mittel- und Großstädten entstehen. Die Folgen sind Wohnraummangel und knappe Flächen für Büros und Einzelhandel. Wir sehen, dass zahlreiche Städte auf diese Herausforderungen nicht ausreichend vorbereitet sind. Während etwa die Immobilienbranche versucht, Mischgebiete aus Wohnen und Einzelhandel zu errichten, benötigt manches Bauamt mehrere Jahre, um ein neues Stadtquartier in einer gerade noch tragbaren Kompromissvariante zu genehmigen. Neben den Städten ging es uns aber insbesondere um die Menschen. Wie werden wir in der Zukunft leben, wie werden wir arbeiten und konsumieren?

Frage: Reden wir von der Zukunft, reden wir oftmals über Digitalisierung, die unweigerlich viele unserer Lebensbereiche erfasst – auch unser Einkaufsverhalten. Welche Prognose stellt Ihre Studie hierzu an?

Volz: Das Gesicht einer Stadt ist ihr Zentrum. Zu den Risiken der digitalen Transformation gehört, dass Geschäfte, Einkaufsstraßen und Shopping-Center, so wie wir sie heute kennen, unsere Städte und ihre Teilzentren in Zukunft weniger stark prägen. Grund ist einerseits die Verschiebung des Umsatzes in den Online-Handel. Andererseits wird oft übersehen, dass der Online-Handel nicht einfach nur einen konkurrierenden Vertriebskanal gegenüber dem stationären Handel bildet. Die „Amazonisierung“ des Einzelhandels hat dazu geführt, dass sich die Erwartungen der Menschen, was der Handel für den Kunden leisten muss, grundlegend verändert hat. Das betrifft beispielsweise die Art und Weise, wie Kunden sich über Angebote informieren, diese vergleichen und bezahlen, aber auch, welche Anforderungen sie an die Verfügbarkeit und Zustellung haben.

Frage: Würde unseren Städten nicht etwas fehlen, wenn der stationäre Handel immer mehr verschwindet?

Volz: Die Digitalisierung ist zwar eine Herausforderung – da gebe ich Ihnen recht –, aber ich sehe auch eine Chance: Der Online-Handel könnte den Verkehr entlasten, da eine moderne Lieferlogistik die Touren digital bündelt und optimiert. Schon heute lebt die alte Idee der CityLogistik wieder auf, die zuvor nicht mehr wirtschaftlich war. Vorstellbar wäre auch, dass Waren künftig von einem Schwerpunktverteilzentrum im Stadtzentrum in die verschiedenen Stadtteile transportiert werden, zum Beispiel mit Fahrradboten. Dennoch will ich den Laden in der Einkaufsstraße noch nicht ganz abschreiben.

Frage: Sie sehen also auch Hoffnung?

Volz: Natürlich. Trotz eines möglichen Rückgangs des Einzelhandels wie er sich inzwischen in den Zentren darstellt, werden sich immer Läden durchsetzen, die die Bedürfnisse ihrer Kundschaft erfüllen und ihr ein besonderes Einkaufserlebnis bieten. Das gelingt durch animierte Verkaufsflächen oder indem Läden in der Lage sind, den Wünschen ihrer Kunden sehr zeitnah zu entsprechen. Auf diese Weise können sie Online-Shops trotzen, und tragen weiterhin zu einem vielfältigen Stadtbild bei.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Volz.

Bildquelle: Willy Generotzky