„Digitalisierung ist nicht Ursache, sondern Katalysator der Veränderungen“

Auswirkungen des Online-Handels auf städtische Räume

Joachim Stumpf, Geschäftsführer und Gesellschafter der IPH Handelsimmobilien GmbH sowie der BBE Handelsberatung GmbH

Frage: Herr Stumpf, der Onlinehandel beschleunigt den Strukturwandel im stationären Handel, das wissen wir schon seit einer ganzen Weile. Nun zeigt eine Studie der BBE Handelsberatung, elaboratum New Commerce Consulting und des Deutschen Instituts für Urbanistik (DifU) für das Bundesministerium für Umwelt, Maturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sowie den HDE Handelsverband Deutschland, dass die Auswirkungen auf Innenstädte, Stadtteil- und Ortszentren unterschiedlich sind. Inwiefern?

Stumpf: Die Auswirkungen auf städtische Räume sind vielschichtig und entwickeln eine größere Dynamik als man vor zehn oder 15 Jahren noch angenommen hätte. Die Polarisierung zwischen starken und schwachen Standorten und Städten nimmt zu. Kleinstädte und Mittelstädte mit geringer Handelszentralität stehen am meisten unter Druck. Dort sehen wir zunehmend Leerstand in klassischen Geschäftsstraßen, immer kürzere Nutzungszyklen von Handelsimmobilien, eine Verschlechterung der Versorgungssituation sowie die Verödung öffentlicher Räume. Schuld daran ist ihre Sandwich-Position zwischen dem Erlebniseinkauf in den Groß- sowie der Nahversorgung in den Kleinstädten. Für den Einzelhandel sind Mittelstädte daher immer weniger attraktiv, neue Konzepte etablieren sich nicht, Leerstände nehmen zu. Besonders betroffen sind hierbei die lokalen, inhabergeführten Geschäfte. Laut der Studie sind knapp ein Fünftel der nicht filialisierten Fachgeschäfte in Deutschland existenzgefährdet.
 

Frage: Was geschieht in den Top-7-Städten? Sind sie automatisch Gewinner des Trends?

Stumpf: Grundsätzlich ja, aber auch dort muss man je nach Mikrolage genau hinsehen. Die Innenstädte der großen Metropolen werden sich zwar dank ihres vielfältigen und ausdifferenzierten Handelsangebotes auch in Zukunft als Einkaufs- und Erlebnisstandorte behaupten können. Sie sind das Ziel der Global Player, dort können sich stationäre und digitale Konzepte erfolgreich vermischen. Aber das hat Auswirkungen auf die Anforderungen an Lagen und Flächen. Die stationären Geschäfte wandeln sich zu Showrooms, Information und Technologie minimieren oder ersetzen die Fläche. An den Rändern der Metropolen werden wir aber je nach lokaler Voraussetzung ähnliche Veränderungen sehen wie in den Klein- und Mittelstädten. Jedenfalls dann, wenn es den Händlern nicht gelingt, Online- und Offline-Handel intelligent miteinander zu verknüpfen.
 

Frage: Die Studie zeigt aber auch, dass nicht jede Klein- oder Mittelstadt dem Untergang geweiht ist, sondern trotz Online-Handels ein vitaler Handelsstandort bleiben kann. Wovon hängt das Überleben ab?

Stumpf: Die Städte sind unterschiedlich stark von der Konzentration des Handels betroffen. Zudem spielen individuelle Ausgangslagen eine große Rolle, wie die Experten in verschiedenen Modellansätzen herausgefiltert haben. So zeigt sich, dass eine Mischung aus Handel und sozialer Interaktion als elementare Kennzeichen von Stadt auf absehbare Zeit nicht ersetzbar ist. Daher haben Städte mit ausgeprägter Urbanität auch in Zukunft gute Aussichten, als attraktiver Handelsstandort wahrgenommen zu werden. Auch dann, wenn sie keine Großstadt sind.

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